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TRANSIT Frankfurt (Oder)

ist ein 40-minütiger Dokumentarfilm, produziert im Jahr 2022 mit Fördermitteln der Stiftung Aufarbeitung. Er zeigt die Rolle und das Schicksal der Stadt Frankfurt (Oder) sowie der Millionen Menschen, die sie - im Zeitraum von kurz vor Kriegsende bis ca. 1950 - bewohnten oder durch sie hindurchgeschleust wurden.

Kurz vor Kriegsende wurde Frankfurt (Oder) vor der heranrückenden Roten Armee evakuiert, die Innenstadt durch Angriffe und eine Feuersbrunst großflächig zerstört und bald darauf entlang des Oderufers geteilt.
Der am Ostufer liegende Stadtteil Dammvorstadt wurde in Słubice umbenannt und gehörte jetzt zu Polen. Seine deutschen Einwohner wurden über den Fluss in den Westen bzw. den westlichen Teil von Frankfurt (Oder) vertrieben.

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Frankfurt (Oder) nach Kriegsende

Diese Gruppe aber bildete nur einen kleinen Teil aller Menschen, die durch die Stadt „transportiert“ wurden. Was nicht mehr viele wissen: Frankfurt (Oder), über Nacht zur Grenzstadt geworden, war in dieser Zeit DER Menschenumschlagplatz in Deutschland zwischen Ost und West - und West und Ost.

Aus den sowjetischen Lagern im Osten kamen mindestens 1,5 Millionen Kriegsheimkehrer, also ehemalige Kriegsgefangene, zurück, dazu Flüchtlinge und Vertriebene, die in Auffanglagern, z. B. dem Heimkehrerlager Gronenfelde, in Empfang genommen, untersucht, neu ausstaffiert und auf die Weiterreise zu ihren alten oder neuen Heimatorten geschickt wurden.

Aus dem Westen Richtung Osten wurden ebenfalls eine Unzahl von Menschen trans- und deportiert. Darunter z.B. etliche junge Deutsche, die in zweifelhaften Verfahren von sowjetischen Militärtribunalen zu extrem langen Haftstrafen verurteilt worden waren. In den Zügen, mit denen sie zumeist in Richtung sibirischer Gefangenenlager verfrachtet wurden, befanden sich aber auch verhaftete Nazi-Täter oder ehemalige kriegsgefangene russische Soldaten.

Um all diese Menschen von Ost nach West und umgekehrt zu transportieren, um sie aufzufangen, zu kasernieren oder auch einzusperren, entstand in der ganzen Stadt ein beispielloses Netz aus Auffanglagern, Gefangenenlagern, Lazaretten und Kasernen - alles in einer Stadt, die sich selbst neu aufbauen und nach ihrer Teilung wiederfinden musste.

Bild vergrößern: Sowjetisches Militärtribunal (Standbild/Montage) © Bundesarchiv / Museum Viadrina / Gedenkstätte
Sowjetisches Militärtribunal (Standbild/Montage)

Von alldem erzählt dieser Film - aber auch die Geschichten der zurückgekehrten Frankfurter, derer, die vom östlichen Ufer über die Behelfsbrücke in den Westen vertrieben wurden, obwohl sie in der Dammvorstadt, jetzt: Słubice, gerade erst ein Haus gebaut hatten. Der Film zeugt vom Leben unter der sowjetischen Besatzung, in dessen Stadtbild das Konterfei Stalins allgegenwärtig war, von jungen Deutschen, die gegen die sowjetische Besatzung opponierten und in den endlosen Transportzügen gen Osten die meisten ihrer „Mitreisenden“ sterben sahen, von deutschen Soldaten, für die, zurück aus der russischen Kriegsgefangenschaft, die Lager in Frankfurt den Wendepunkt ihres Lebens markierten: den Weg in die Freiheit.

Mittels neu geführter, lebensgeschichtlicher Interviews mit einer Vielzahl von ZeitzeugInnen, werden all diese Lebens-, Trans,- und Deportationswege miteinander verwoben, um die ganze Komplexität der damaligen Verhältnisse dieser Stadt und der Geschichten ihrer Menschen zum Vorschein zu bringen.

Bild vergrößern: Zeitzeuge Werner Höpfner (Standbild) © Werner Höpfner / Museum Viadrina / Gedenkstätte
Zeitzeuge Werner Höpfner (Standbild)

Das letzte Filmkapitel beleuchtet auch die Parallelen auf der östlichen Oderseite: das Kapitel der polnischen Sibiriendeportierten. Politisch mißliebige Polen wurden im Zuge des Stalinismus zumeist mit der ganzen Familie, kleine Kinder inklusive, tief in den Osten deportiert. Wenn sie überlebten und Jahre später nach Polen zurückkamen, wurden sie oft in ihnen fremden Regionen angesiedelt und von den Einheimischen obendrein als „Russki“ beschimpft. Zudem durften sie bis 1989 nicht öffentlich über ihr Schicksal sprechen, ohne von erneuter Verfolgung bedroht zu werden.

Den Bezug zur Jetztzeit, zum Kontinuum der Thematik, bildet der Abschluss des Filmes. Auch er findet statt im Bahnhof der Stadt: Züge voller ukrainischer Kriegsflüchtlinge warten in ihren Abteilen auf die Weiterfahrt…

Bild vergrößern: Zeitzeuginnen Lucyna Zukowska-Rybak und Ludmila Kaminska © Museum Viadrina / Gedenkstätte
Zeitzeuginnen Lucyna Zukowska-Rybak und Ludmila Kaminska

Neben all jenen Geschichten präsentiert der Film Fotomaterialien zu diesem Teil der Stadtgeschichte und der an sie geknüpften individuellen Schiksale, die in dieser Fülle noch nie zu sehen waren. Die neuen ZeitzeugInneninterviews wurden auf lebensgeschichtlicher Grundlage speziell für diesen Film gedreht. Das dabei entstandene reichhaltige historische und biografische Material steht über das Museum Viadrina bzw. die Gedenkstätte somit auch für Bildungs- und Forschungszwecke zur Verfügung.

TRANSIT Frankfurt (Oder)“ wird seit seiner Premiere Anfang 2023 im Museum Viadrina regelmäßig in der laufenden Arbeit der Gedenkstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“ eingesetzt und wurde bereits von vielen Besuchergruppen gesehen. Er liegt neben der deutschen auch in polnischen und englischen Sprachfassungen vor.

Bild vergrößern: FrankfurterInnen betrachten die von den Nazis gesprengte Stadtbrücke © Stadtarchiv Frankfurt (Oder)
FrankfurterInnen betrachten die von den Nazis gesprengte Stadtbrücke

TRANSIT
Frankfurt (Oder)


Ein Film von: Knut Gerwers, Karl-Konrad Tschäpe, Loretta Walz

 

Interviews:
Loretta Walz, Kristof Gerega, Alexandra Pohlmeier, Karl-Konrad Tschäpe

Musik:
Hilary Jeffery

SprecherInnen:
Knut Gerwers, Joanna Wizmur

 

ZeitzeugInnen / InterviewpartnerInnen:
Heidemarie Bucki / Wilhelm Fries / Heini Fritsche / Rolf Haak / Werner Höpfner / Ludmiła Kamińska
Hans Modrow / Dieter Rother / Joachim Schneider / Werner Schultze / Helga Sperlich
Joachim Stern / Helga Sperlich / Joachim Stern / Horst Voigt / Günter Wellkisch / Lucyna Żukowska-Rybak


Entstanden im Auftrag von:
Museum Viadrina - Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“
Eine Einrichtung des Eigenbetriebs Kulturbetriebe Frankfurt (Oder)

 

Gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur / Bundesstiftung Aufarbeitung